In meiner Arbeit als Ernährungstherapeutin begleite ich seit rund 15 Jahren Menschen mit unterschiedlichen Essstörungen. Dabei begegnen mir immer wieder ähnliche Gedanken und Vergleichen, unabhängig davon, welche Diagnose eine Person hat.
Einer dieser Gedanken lautet:
„Magersüchtige schaffen es wenigstens, den Hunger zu kontrollieren.“
Menschen mit Bulimie, Binge Eating oder anderen Formen von Essstörungen erleben häufig das Gefühl, die Kontrolle über ihr Essverhalten zu verlieren. Im Vergleich dazu wirkt eine Magersucht (Anorexia nervosa) von außen oft kontrolliert, diszipliniert oder sogar bewundernswert.
Doch genau dieser Vergleich kann zusätzlich Leidensdruck erzeugen.
Denn er vermittelt Betroffenen das Gefühl, ihre eigene Essstörung sei weniger schwerwiegend oder sie selbst würden nicht genug leisten. Manche Menschen berichten sogar, dass sie sich dadurch „nicht krank genug“ fühlen, obwohl sie bereits erheblich unter ihrem Essverhalten leiden.
Dabei wird häufig etwas Entscheidendes übersehen:
Die Form einer Essstörung sagt wenig über den Leidensdruck aus, den sie verursacht. Eine Essstörung ist keine Leistung und keine Form davon ist „besser“ als eine andere.
Warum viele Menschen Essstörungen vergleichen
Viele Betroffene vergleichen nicht nur ihr Gewicht oder ihr Essverhalten miteinander. Sie vergleichen häufig auch den vermeintlichen „Grad an Kontrolle“.
Und genau hier entsteht oft eine innere Hierarchie zwischen verschiedenen Essstörungen.
Wenig essen wird in unserer Gesellschaft häufig positiv bewertet. Menschen die ihr Essen stark kontrollieren oder Gewicht verlieren, werden nicht selten als diszipliniert und willensstark wahrgenommen. Gleichzeitig wird ein erlebter Kontrollverlust beim Essen eher mit persönlichem Versagen oder Schwäche verbunden.
Dadurch kann schnell der Eindruck entstehen, Menschen mit restriktiven Essstörungen hätten ihre Probleme „besser im Griff“.
Doch diese Sichtweise greift viel zu kurz.
Viele Menschen mit Magersucht erleben einen enormen inneren Druck. Essen wird zu einem ständigen Begleiter im Kopf. Gedanken kreisen um Mahlzeiten, Regeln und die Angst Kontrolle zu verlieren. Häufig entstehen soziale Einschränkungen, Schuldgefühle und eine dauerhaft innere Anspannung.
Ständiges Denken ans Essen bei Essstörungen
Essstörungen können sehr unterschiedlich aussehen. Trotzdem gibt es etwas, das viele Betroffene verbindet:
Essen nimmt unglaublich viel Raum im Kopf ein.
Viele Menschen berichten, dass sie beinahe dauerhaft über Essen nachdenken. Sie überlegen, was sie essen dürfen, ob sie zu viel gegessen haben oder wie sie eine Mahlzeit wieder ausgleichen können. Andere beschäftigen sich ständig damit, wann sie essen sollten oder wie sie die Kontrolle behalten können. Dadurch wird Essen zu weit mehr als einer alltäglichen Notwendigkeit. Es nimmt einen großen Teil der Gedanken und Aufmerksamkeit ein.
Dabei wird häufig übersehen, dass sich das ständige Kreisen um Essen nicht auf eine bestimmte Form der Essstörung beschränkt. Unabhängig der Diagnose berichten viele Betroffene von einem ähnlichen Erleben: Essen wird zu einem ständigen Begleiter im Kopf. Nach außen kann sich das Essverhalten sehr unterschiedlich zeigen, der innere Kampf mit Essen, Kontrolle und den eigenen Gedanken ist jedoch häufig eine gemeinsame Erfahrung.
Genau deshalb ist die Vorstellung problematisch, eine bestimmte Form der Essstörung sei „erfolgreicher“ oder „disziplinierter“.
Denn die eigentliche Belastung bleibt häufig unsichtbar.
Warum Kontrolle beim Essen nicht automatisch Freiheit bedeutet
Gerade restriktive Essstörungen werden häufig missverstanden.
Von außen wirkt es manchmal beeindruckend, wenn jemand Hunger unterdrücken oder stark abnehmen kann. Doch therapeutisch betrachtet steckt dahinter keine Freiheit, sondern ein enormer innerer Kampf.
Je stärker das Essverhalten von Regeln bestimmt wird, desto kleiner wird der Handlungsspielraum im Alltag. Spontane Restaurantbesuche, Einladungen zum Essen oder gemeinsame Mahlzeiten mit Familie und Freunden können zur Herausforderung werden. Entscheidungen werden nicht mehr danach getroffen, worauf man Lust hat oder was gerade gut tun würde, sondern danach was mit den eigenen Regeln vereinbar ist.
Was von außen nach Kontrolle aussieht, kann deshalb mit einem erheblichen Verlust an Freiheit verbunden sein.
Unterversorgung bei Essstörungen und ihre Folgen
Ein weiterer wichtiger Punkt wird häufig unterschätzt:
Unterversorgung kann bei vielen verschiedenen Essstörungen entstehen, nicht nur bei Untergewicht oder Magersucht. Zum Beispiel durch restriktives Essen, lange Hungerphasen, chaotisches Essverhalten oder die Angst vor bestimmten Lebensmitteln.
Der Körper braucht jedoch ausreichend Energie und Nährstoffe, um stabil arbeiten zu können. Das betrifft nicht nur den Stoffwechsel oder die Konzentration, sondern auch die emotionale Regulationsfähigkeit.
Eine Unterversorgung kann sich auf unterschiedliche Weise bemerkbar machen. Viele Betroffene berichten von einer erhöhten Reizbarkeit, stärkerem Gedankenkreisen oder dem Gefühl, emotional weniger belastbar zu sein. Auch die Fähigkeit mit Stress oder belastenden Emotionen umzugehen, kann darunter leiden.
Das bedeutet nicht, dass Emotionen allein durch Ernährung entstehen. Dennoch beeinflusst die Versorgung des Körpers, wie gut unser Gehirn und unsere Nervensystem arbeiten können.
Gerade bei Essstörungen kann dadurch ein belastender Kreislauf entstehen: Die psychische Belastung beeinflusst das Essverhalten und das Essverhalten wiederum verstärkt die Belastung zusätzlich. Deshalb ist es wichtig, Essstörungen nicht ausschließlich auf Willenskraft oder Disziplin zu reduzieren.
Warum keine Essstörung „schlimmer“ oder „besser“ ist
Viele Betroffene leiden zusätzlich darunter, dass sie ihre eigene Essstörung innerlich abwerten.
Sätze wie:
- „Andere haben es viel schlimmer.“
- „Ich bin gar nicht krank genug.“
- „Wenigstens haben andere Kontrolle.“
- „Ich schaffe nicht mal das richtig.“
können starke Schamgefühle auslösen.
Doch Leid lässt sich nicht sinnvoll vergleichen.
Nicht jede Essstörung sieht gleich aus. Nicht jede betroffene Person hat dieselben Symptome. Und trotzdem sind alle Formen mit enormen psychischem Druck verbunden.
Häufig betrifft diese Belastung nicht nur die betroffene Person selbst. Auch Angehörige erleben Sorgen, Hilflosikeit und die Herausforderung, mit einer Erkrankung umzugehen, die von außen oft schwer nachvollziehbar ist.
Eine Essstörung ist somit eine Erkrankung, die unbedingt eine therapeutische Unterstützung bedarf.
Essstörungen verstehen statt nur kontrollieren
Viele Betroffene versuchen über Jahre, ihr Essverhalten ausschließlich über Kontrolle zu verändern. Doch häufig liegt unter dem Essverhalten deutlich mehr: Emotionen, innere Anspannung, Stress, alte Erfahrungen, Überforderung oder ein dauerhaft belastetes inneres System.
Genau deshalb reicht reines Wissen oft nicht aus.
Veränderung beginnt häufig nicht dort, wo Menschen noch härter gegen sich kämpfen, sondern dort, wo sie beginnen zu verstehen, was ihr Essverhalten beeinflusst und welche körperlichen und emotionalen Faktoren dabei eine Role spielen können.
Fazit: Jede Essstörung bedeutet Leidensdruck
Egal welchen Namen eine Essstörung trägt: Sie bedeutet für die betroffene Person und häufig auch für Angehörige eine enorme Belastung.
Keine Essstörung ist die „bessere“ Form. Keine ist eine besondere Leistung. Und keine sollte bewundert werden.
Was von außen nach Kontrolle aussieht, bedeutet für Betroffene einen erheblichen inneren Stress, der für andere oft unsichtbar bleibt. Hinter allen Essstörungen steckt meist ein hoher Leidensdruck, auch dann, wenn dieser von außen nicht sofort sichtbar ist.
In der Ernährungstherapie geht es deshalb häufig nicht nur um das Essen selbst, sondern auch darum, die Mechanismen hinter dem Essverhalten besser zu verstehen – körperlich, emotional und psychologisch.
Denn Essen ist selten nur Essen.
Vielleicht hast du dich beim Lesen an der einen oder anderen Stelle wiedererkannt.
Vielleicht kennst du die Vergleich im Kopf. Vielleicht kennst du das ständige Kreisen um Essen. Oder den Gedanken, dass andere ihre Essstörung „besser“ im Griff hätten als du. Doch Leidensdruck lässt sich nicht messen. Und er lässt sich auch nicht anhand einer Diagnose, eines Gewichts oder eines bestimmten Essverhaltens vergleichen.
Jede Essstörung verdient Aufmerksamkeit. Jede betroffene Person verdient Unterstützung. Und niemand muss erst „krank genug“ sein, um Hilfe in Anspruch nehmen zu dürfen. Wenn Essen viel Raum in deinem Kopf einnimmt, dein Alltag davon beeinflusst wird oder du das Gefühl hast, immer wieder in dieselben Muster zu geraten, kann es hilfreich sein, genauer hinzuschauen.
In unserer Ernährungstherapie betrachten wir nicht nur das Essverhalten selbst, sondern auch die verschiedenen Faktoren, die es im Alltag beeinflussen können. Dazu gehören sowohl körperliche Aspekte wie Hunger, Sättigung oder die Versorgung mit Energie und Nährstoffen als auch emotionale Situationen, die das Essverhalten mitprägen können.
Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, wie eine Ernährungstherapie bei Essstörungen oder emotionalem Essverhalten aussehen kann, kannst du dich gerne an uns wenden.
Beste Grüße,
Heike 🌿
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